Next Gen Interview: »Viel Freiraum«

Eigentlich hatte Dr. Jonas Haentjes (33) nicht geplant, die Nachfolge seines Vaters anzutreten, doch dann ließ er sich schnell überreden. Jonas Haentjes, der neue Chef des Medienkonzerns Edel, über seine Rollenfindung im Familienunternehmen.

DOMINIK VON AU: Jonas, nach deinem Medizinstudium hat dich dein Berufsweg zunächst in die Unternehmens-beratung geführt. Was gab den Ausschlag, doch ins Familienun-ternehmen einzusteigen?

JONAS HAENTJES: Das Medizinstudium hat mir viel Spaß gemacht. Ich konnte mir letztendlich aber nicht vorstellen, als Arzt zu praktizieren. Nach dem Examen habe ich zunächst bei Roland Berger und später für Monitor Deloitte in der Beratung gearbeitet. Kurz vor seinem 60. Geburtstag begann mein Vater, sich Gedanken über das Thema Nachfol-ge zu machen. Gleichzeitig war ich nach fünf Jahren im Beratungsgeschäft an einem Scheidepunkt angelangt und es kam die Frage auf, ob ich noch einmal etwas anderes machen möchte. Als mein Vater mich dann fragte, ob ich mir vorstellen könnte, die Firma zu übernehmen, habe ich relativ schnell Ja gesagt.

Habt ihr vorher in der Familie nie über die Nachfolge gesprochen?
Im Musikbusiness haben wir über viele Jahre in kürzeren Zeithorizonten von einem bis zwei Jahren gedacht. Viele kleinere Unternehmen in unserer Branche verschwinden nach ein paar Jahren wieder. Auch wir mussten schon schwere Krisen überstehen. Daher hat mein Vater meinen beiden jüngeren Geschwistern und mir immer klar gesagt, dass wir uns beruflich auf eigene Beine stellen sollten. Wir konnten uns frei entwickeln und niemand wurde in die Rolle des Nachfolgers hineingezwungen.

Du bist 2016 ins Unternehmen eingestiegen, seit 2017 teilst du dir die Geschäftsführung mit deinem Vater. Wie klappt die Zusammenarbeit?
Sehr gut. Ich wusste, dass mein Vater und ich gut zusammenarbeiten kön-nen. Wir haben schon immer eine sehr enge Beziehung gehabt und pflegen einen offenen Meinungs-austausch. Mein Vater hat mir viel Freiraum gegeben, so konnte ich in die neue Rolle hineinwachsen. Ich hatte von Anfang an Zugriff auf seinen E-Mail-Account und seinen Kalender und wurde in die Abstimmungsprozesse einbezogen. Im Laufe der Zeit hat er immer seltener an Besprechungen teilgenommen.

Habt ihr eine klare Aufgabenteilung vereinbart?
Nein, die hat sich erst entwickelt. Im Prinzip habe ich in den vergangenen drei Jahren Edel gemeinsam mit meinem Vater und unserem CFO/COO Timo Steinberg geführt. Mit Timo Steinberg teile ich mir auch das Büro.

Wie hat sich deine Rolle in den vergangenen Jahren verändert?
Anfangs war ich für den Bereich Corporate Development zuständig. Diese Abteilung gab es vor meinem Eintritt in das Unternehmen nicht. Ich war für die neuen Projekte und Kunden zuständig sowie für die M&A-Themen. Als dann eine Interimslösung für die Leitung unserer Klassik- & Jazz-Label gebraucht wurde, habe ich zusätzlich auch diesen Bereich übernommen.

Ein Dreivierteljahr nach meinem Eintritt haben mein Vater und ich dann alle Termine gemeinsam wahrgenommen. Nach einem weiteren Jahr bin ich in den Vorstand aufgerückt. Von diesem Zeitpunkt an hatte ich die Verantwortung für unsere Kunden und Mitarbeiter.

Würdest du rückblickend den Nachfolgeprozess wieder so gestalten?
Ja, ich würde es wieder so machen. Mit meinem Eintritt in das Unternehmen haben wir kommuniziert, dass wir uns fünf Jahre Zeit für den Übergangsprozess nehmen wollen. Das war nur eine grobe Richtlinie, um uns nicht unter Druck zu setzen. Mein Vater ist Ende Februar aus dem Vorstand ausgeschieden. Damit hat der Nachfolgeprozess insgesamt nur drei Jahre gedauert.

Mein Vater hat mir viel Freiraum gegeben, so konnte ich in die neue Rolle hineinwachsen.

Ist deinem Vater der Rückzug schwergefallen?
Wenn es nach meinem Vater gegangen wäre, hätte er sich schon nach zwei Jahren aus dem operativen Geschäft zurückgezogen. Dass mein Vater seinen Rückzug so konsequent vorangetrieben hat, liegt sicherlich an seiner Persönlichkeit und an seinem Vertrauen. Es hat aber auch mit der Veränderung unseres Marktes zu tun – bei der Entwicklung von digitalen Playern wie Spotify, Instagram & Co. aktuell zu bleiben, erfordert eine sehr hohe Aufmerksamkeit.

Welche Rolle wird dein Vater in Zukunft im Unternehmen übernehmen?
Wir haben unsere Firma mit Wirkung zum 1. März von einer AG in eine SE & Co. KGaA umgewandelt. An der Spitze dieser neuen Struktur steht ein dreiköpfiger Verwaltungsrat. Dieser setzt sich aus meinem Vater als Verwaltungsratsvorsitzendem und nichtge-schäftsführendem Direktor, Dr. Markus Conrad als nichtgeschäfts-führendem Direktor und Aufsichtsratsvorsitzendem der KGaA und mir als einzigem geschäftsführendem Direktor zusammen. Mein Vater kann aber jederzeit Projekte übernehmen und mit ins operative Geschäft eintauchen, falls dies vor allem alte Geschäftsfreundschaften erfordern.

Wer bestimmt, wer im Verwaltungsrat sitzt?
Die Komplementärin der KGaA hat die Rechtsform einer Europä-ischen Aktiengesellschaft (SE), an der mittelbar nur mein Vater und ich beteiligt sind. Wir bestimmen gleichberechtigt, wer in dem Verwaltungsrat sitzt.

Welche Rolle spielen deine Geschwister im Unternehmen?
Meine jüngere Schwester Judith ist in unserem Kinderbuchverlag Edel Kids Books tätig. Mein jüngerer Bruder Jakob arbeitet nicht im Familienunternehmen. Er arbeitet in einem Start-up, das nachhaltige Verpackungen aus Biomasse herstellt; vorher war er viele Jahre in Afrika. Die Hälfte der Anteile unseres Unternehmens hat mein Vater an uns Kinder zu gleichen Teilen übertragen. Unabhängig von der Gesellschafterstruktur hat mein Vater bestimmt, dass nur einer aus der Familie im Unternehmen das Sagen haben soll.

Mein Vater hat meinen beiden jüngeren Geschwistern und mir immer klar gesagt, dass wir uns beruflich auf eigene Beinen stellen sollen.

Solche Konstellationen können enormes Konfliktpotenzial bergen. Wie beugt ihr Streitigkeiten innerhalb der Familie vor?
Wir haben eine Familienverfassung erarbeitet. Mit fachkundiger Unterstützung haben wir alle möglichen Szenarien besprochen und überlegt, wie wir im Geschwisterkreis damit umgehen würden. Das war sehr hilfreich, weil wir uns vorher noch nie darüber Gedanken gemacht hatten. Am Ende dieses Prozesses haben wir die Leitplanken der Zusammenarbeit im Gesellschafterkreis festgelegt.

Die Welt der Musik, Bücher und der Filme war schon immer ein Teil meines Lebens.

Wie schwierig ist es, sich als Fachfremder in der Musikbranche zu behaupten?
Unsere Familie ist seit drei Generationen im Mediengeschäft und hier vor allem in der Musik aktiv. Es gehört zu unserer Familiengeschichte. Die Welt der Musik, Bücher und der Filme war folglich schon immer ein Teil meines Lebens. Ich habe schon während mei-ner Schulzeit und in den Semesterferien bei Edel ausgeholfen und kenne die Mitarbeiter daher seit vielen Jahren. Für die Aufgaben, die ein besonderes Spezialwissen erfordern, beispielsweise für ein bestimmtes Genre, sind unsere Label-Chefs zuständig. Sie wissen, welcher Künstler als Nächstes angesagt ist.

Setzt du in der Unternehmensführung andere Schwerpunkte als dein Vater?
Ich treibe das Thema Digitalisierung des Unter-nehmens insgesamt voran. Unser Geschäftsmodell in der Musik-industrie ist hier schon sehr weit auf die digitalen Vertriebswege ausgerichtet, wir sind einer der größten Vertriebsdienstleister in Deutschland. Nichtsdestotrotz haben wir bei der Digitalisierung des Umsatzes unserer eigenen Inhalte immer noch Potenzial. Zusätzlich treibe ich die Modernisierung der internen Prozesse voran; hiermit geht auch eine neue Unternehmenskultur einher, insbesondere in der Kommunikation über die Abteilungsgrenzen hinweg.

 

Das Interview führte Dr. Dominik von Au für den UnternehmerBrief 01/2019.

 

Edel SE + Co. KGaA

Michael Haentjes gründet 1986 in Hamburg den Mailorder- Versand für Filmmusik-Schallplatten, edel Musik, und beginnt mit der Veröffentlichung von lizenzierten Soundtracks. Haentjes entwickelt das Unternehmen zu einer „Record Company“ mit eigenem CD-Presswerk und nimmt ab Anfang der 1990er-Jahre eigene Künstler unter Vertrag. 1998 folgt der Börsengang in Frankfurt. Drei Jahre später gerät die Me-dienfirma in eine schwere Krise. Nach erfolgreicher Sanierung erweitert die Edel AG ihr Geschäftsfeld um digitale Bereiche und erwirbt ab 2007 Buchverlage. Zudem wird die Fertigung von Vinyl-Schallplatten ausgeweitet, in der Edel Weltmarkt-führer ist. 2016 tritt der älteste Sohn Jonas Haentjes in die Firma ein. Ende 2017 rückt er neben seinem Vater in den Vorstand auf. Zur langfristigen Sicherung des Familieneinflus-ses wird Anfang März 2019 das Unternehmen in eine KGaA umgewandelt. Die Komplementärin hat die Rechtsform einer SE. Gleichzeitig zieht sich Michael Haentjes (63) aus dem operativen Geschäft in den Verwaltungsrat der Komplementär-SE zurück, geschäftsführender Direktor und weiteres Verwaltungsratsmitglied wird Jonas Haentjes. Edel gilt heute mit 209 Millionen Euro Umsatz und rund 1.100 Mitarbeitern als eines der größten unabhängigen Medienunternehmen Europas.

NextGen: Dr. Jonas Haentjes, 33 Jahre, zweite Generation

Unternehmen: Edel SE + Co. KGaA , ca. 209 Mio. EUR Umsatz/Jahr, 1.100 Mitarbeiter

Position: geschäftsführender Direktor, Mitglied des Vorstandes

Story: Nach Medizinstudium und fünf Jahren Tätigkeit in der Unternehmensberatung folgte er dem Ruf des Vaters.