Klimaschutz versus Marktwirtschaft | INTES Akademie

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Klimaschutz versus Marktwirtschaft

Wie lassen sich ökonomische Interessen mit den Klimazielen vereinbaren? Eine Frage, die mit der aktuellen Wirtschaftskrise neue Brisanz erhält und auf die Familienunternehmer ganz unterschiedliche Antworten haben. Dr. Karl Tack, Vertreter der siebten Generation des Familienunternehmens Gebrüder Rhodius, und Michael Hetzer, Sprecher der Geschäftsführung von Elobau, über klimapolitische Irrwege und neue Chancen.*

Nehmen Sie die deutsche Klimapolitik als Chance oder Gefahr für die Familienunternehmen wahr?

KARL TACK: Unser wichtigstes Anliegen als Familienunternehmer ist es, unser Unternehmen und somit das oftmals über Generationen erarbeitete Vermögen in die Hände unserer Nachkommen zu legen. Das kann nur gelingen, wenn auch die Umwelt und die Gesellschaft intakt bleiben. Deshalb sind Klimaschutz und Nachhaltigkeit unverzichtbarer und integraler Bestandteil unseres täglichen Wirtschaftens. Wir müssen Klimaschutz als Chance begreifen, auch wenn die Ausgestaltung durch die Politik der Bundesregierung erhebliche
Risiken gerade für Familienunternehmen birgt.
MICHAEL HETZER: Ich sehe die Klimapolitik auf jeden Fall als Chance. Wobei ich mir wünsche, dass das Thema Klimaschutz noch ambitionierter angegangen wird. Wir erreichen zu wenig, gemessen an dem, was nötig wäre, damit wir nicht in einigen Jahrzehnten in eine große Katastrophe hineinlaufen.

 

Beim Klimaschutz erreichen wir zu wenig, gemessen an dem, was nötig wäre.
Michael Hetzer

 

Inwieweit lassen sich die von der Bundesregierung angestrebten Klimaziele mit den Prinzipien der Marktwirtschaft in Einklang bringen?

TACK: Die von der Bundesregierung angestrebten und auf der Klimaschutzkonferenz 2015 in Paris nochmals bekräftigten Klimaziele lassen sich mit den Prinzipien der Marktwirtschaft grundsätzlich in Einklang bringen. Die von der Bundesregierung aktuell und in der Vergangenheit gewählten Instrumente sind allerdings überwiegend planwirtschaftlicher Natur. So werden bestimmte Branchen mit Milliarden an Subventionen überflutet, während die industriellen Familienunternehmen beispielsweise durch die EEG-Umlage die Lasten tragen und so im globalen Wettbewerb zurückgeworfen werden.
HETZER: Schon in der Schule und an den Universitäten wird der Eindruck vermittelt, dass Nachhaltigkeit auf Kosten der Profitabilität geht. Das finde ich sehr befremdlich. Wenn es uns nicht gelingt, beides in Einklang zu bringen, werden wir massive Probleme bekommen. Daran besteht kein Zweifel. Alle Energieeffizienz- und CO2-Sparmaßnahmen, die wir bei Elobau in den vergangenen Jahren ergriffen haben, hatten immer auch eine betriebswirtschaftliche Komponente und haben sich langfristig ausgezahlt. Wir produzieren seit zehn Jahren klimaneutral – und das sehr erfolgreich.

Wir müssen uns fragen, mit welchen Technologien wir die größten CO2-Einsparungseffekte erzielen können.
Karl Tack

Wie könnte eine Klimapolitik aussehen, bei der Aufwand und Ertrag ausgewogen sind?

TACK: Den Klimawandel aufzuhalten oder zumindest zu verlangsamen ist eine der größten Herausforderungen dieses Jahrhunderts und erfordert enorme finanzielle Anstrengungen. Wir müssen uns fragen, mit welchen Technologien wir die größten CO2-Einsparungseffekte erzielen können: Was kostet die Einsparung einer Tonne CO2 durch Photovoltaik, Windenergie, Wasserkraft, Wasserstoff, Geothermie oder auch Biogasanlagen? Der Wettbewerb verschiedener Technologien untereinander wird zur Herausbildung
des günstigsten Preises führen – und nicht eine wie auch immer geartete ideologische Voreinstellung.
HETZER: Jeder Haushalt zahlt einen individuellen Preis für die Entsorgung seines Mülls. Beim CO2-Ausstoß zahlt diesen Preis die Gemeinschaft. Die Gemeinwohlökonomie fordert, dass jedes Unternehmen eine Gemeinwohlbilanz erstellt. Nach dieser Bilanz wird die steuerliche Belastung festgelegt. Wenn alle einen Anreiz hätten, sich darüber Gedanken zu machen, wie sie CO2 einsparen könnten, müsste der Staat weniger Mittel für die Förderung erneuerbarer Energien aufwenden und die Treibhausgasemissionen ließen sich relativ schnell  maßgeblich reduzieren. Eine CO2-Besteuerung würde sicherlich auch dazu führen, dass veraltete CO2-intensive Technologien, die heute noch künstlich erhalten werden, vom Markt verschwinden.

Welchen Beitrag können Familienunternehmen zum Klimaschutz leisten?

TACK: Familienunternehmen leisten bereits heute einen enormen Beitrag zum Klimaschutz und zwar durch drei Maßnahmen: Erstens durch CO2-Vermeidung, indem sie zum Beispiel ganz oder überwiegend Ökostrom beziehen oder auch selbst auf Eigenstromerzeugung aus regenerativen Energien setzen. Zweitens durch CO2-Verringerung: Der CO2-Ausstoß kann durch Investitionen in nachhaltige Produktionstechnologien und durch kontrollierte Energieeffizienzmaßnahmen Jahr für Jahr um bis zu 2 Prozent verringert werden. Drittens durch Kompensation: Eine weitere und auch unvermeidbare Maßnahme ist eine CO2-Kompensation durch Investitionen in zertifizierte Klimaschutzprojekte. CO2 wird also dort eingespart, wo es am günstigsten ist, sodass mit den knappen finanziellen Mitteln der maximale Effekt erzielt werden kann.
HETZER: Einen sehr großen Beitrag. Familienunternehmen sind in ihrer Denkweise längerfristig ausgerichtet und daher eher bereit, Investitionen zu tätigen, die sich nicht innerhalb von zwölf Monaten bezahlt machen. Aber auch börsennotierte Gesellschaften könnten einen wichtigen Beitrag leisten. Dafür müsste sich allerdings die auf kurzfristige Gewinne ausgerichtete Denkweise ändern.

Welche Instrumente sind aus Ihrer Sicht am besten geeignet, um die gesetzten Klimaziele zu erreichen?

TACK: Das aktuell erfolgreichste und vor allem auch marktwirtschaftlich organisierte Instrument ist der europäische Emissionshandel. Seit Beginn des „European Union Emissions Trading System“ (EU ETS) im Jahr 2005 konnten die CO2-Emissionen europaweit um 29 Prozent gesenkt werden, während sie in Deutschland trotz der Subventionen für erneuerbare Energien in Höhe von 25 Mrd. Euro jährlich nur um 18 Prozent gesunken sind. Nationale Instrumente wie zum Beispiel das EEG sind nicht nur ineffektiv, sondern sogar  kontraproduktiv. Eine zusätzliche CO2-Bepreisung wäre nicht erforderlich, wenn alle Sektoren, also auch der Verkehr, die Landwirtschaft und die Gebäude in den Emissionshandel einbezogen würden. Auch der mit Steuergeldern hochsubventionierte Kohleausstieg wäre vermeidbar gewesen, da sich die Kohlekraftwerke über einen Emissionshandel von allein aus dem Markt bewegt hätten. Das Vertrauen in den Markt wäre zielführender gewesen, als auf politisch motivierte faule Kompromisse zu setzen.
HETZER: Wie gesagt, ich plädiere für die Besteuerung von CO2-Emissionen. Den Emissionshandel sehe ich dagegen eher kritisch. Ich ärgere mich darüber, wenn Unternehmen, deren Produkte ich kaufe, weil sie CO2-neutral produziert werden, ihre Emissionszertifikate an andere Unternehmen veräußern. Das Ziel muss sein Metdass alle Unternehmen angehalten werden, möglichst wenig CO2 auszustoßen.

Werden die Bemühungen der Unternehmen um den Klimaschutz angesichts der Corona-Krise in den Hintergrund treten?

TACK: Die durch Corona verursachten Absatz- und Umsatzeinbrüche werden erhebliche Spuren in den Bilanzen hinterlassen. Viele Unternehmen werden auf Kredite der KfW angewiesen sein, die zurückbezahlt werden müssen. Der finanzielle Spielraum wird hierdurch eingeschränkt, sodass auch Gelder für den Klimaschutz nur begrenzt zur Verfügung stehen werden. Hinzu kommt, dass die Bundesregierung in der Vergangenheit notwendige Projekte im Rahmen der Klimapolitik nur zögerlich verfolgt hat, die nun als zusätzliche
Belastung auf uns zukommen wie der fehlende Netzausbau, die mangelhafte Infrastruktur im Bereich Digitalisierung sowie die völlig unzureichende Förderung von Forschung für die Entwicklung von CO2-freien Energieträgern wie zum Beispiel Wasserstoff. Wir haben uns zu sehr darauf konzentriert, bestimmte Technologien zu fördern, und die Entwicklung alternativer Energieträger völlig vernachlässigt. Es besteht allerdings die Hoffnung, dass in dieser äußerst angespannten finanziellen Situation die Bundesregierung – unterstützt und
begleitet durch den „Green Deal“ der EU-Kommission – stärker auf marktwirtschaftliche und kosteneffiziente Instrumente zum Klimaschutz setzt und die teuren und klientelgesteuerten Projekte endlich begräbt.
HETZER: Die Corona-Krise ist eine Zäsur. Auch Kaufanreize und Subventionen werden uns nicht zu unserer alten Normalität verhelfen. Trotz der wirtschaftlichen Krise dürfen wir jetzt nicht alles über Bord werfen. Das Klimaproblem hat sich durch die Covid-19-Pandemie nicht verändert. Wenn erst ganze Landstriche überflutet sind, können wir die Zeit nicht mehr zurückdrehen. Wir sollten stattdessen unsere Geschäftsmodelle überdenken. Ist es sinnvoll, immer weiter nach Wachstum zu streben? Wäre es nicht besser, wertigere Produkte mit
einer längeren Haltbarkeit herzustellen und zusätzlich ein Reparatur- und Ersatzteilgeschäft aufzubauen, anstatt stetig nach Produktionssteigerungen zu streben? Wir brauchen dringend neue Konzepte. Die Chance für Veränderungen ist jetzt da, ich hoffe, wir nutzen sie.

Wie wird ein Unternehmen klimaneutral?

Immer mehr Unternehmer wollen ihre Klimabilanz verbessern. Aus Verantwortungsbewusstsein, aber auch, weil der „Carbon Footprint“ zunehmend zum Wettbewerbsfaktor wird. Daher steigt seit einigen Jahren die Zahl der Familienunternehmer, die sich darum bemühen, für ihre Produkte, Dienstleistungen oder das Gesamtunternehmen Klimaneutralität zu erreichen.


Aber wie funktioniert das? Wie viel klimaschädliche Gase ein Unternehmen produziert, wird mithilfe einer Klimabilanz ermittelt. Die meistbeachtete internationale Standardreihe zur Bilanzierung von Treibhausgasemissionen ist das Greenhouse Gas (GHG) Protocol, das auf einer gemeinschaftlichen Initiative des World Resource Institute (WRI), des World Business Council for Sustainable Development (WBCSD) sowie verschiedener Umweltorganisationen und Industrieunternehmen basiert und fortlaufend weiterentwickelt wird. Weitere Standards, wie ISO 14064, bauen auf ihm auf.

Treibhausgase bilanzieren

Nach dem GHG Protocol werden nicht nur CO2-Emissionen, sondern auch alle im Rahmen des Kyoto-Protokolls regulierten Treibhausgase (THG) wie beispielsweise Methan und Fluorkohlenwasserstoffe erfasst. Die Maßeinheit, in der THG gemessen werden, heißt CO2Äq (Kohlenstoffdioxid-Äquivalente). Vereinfachend wird i.d.R. von CO2 gesprochen.


Der Unternehmensstandard des GHG Protocols unterscheidet zwischen drei Emissionskategorien:

  • Scope 1 umfasst alle direkten THG-Emissionen aus der eigenen Geschäftstätigkeit des Unternehmens.
  • Scope 2 beziffert alle indirekten THG-Emissionen aus bezogenen Energien wie eingekauftem Strom, Dampf, Wärme und Kühlungsenergie.
  • Scope 3 betrachtet die indirekten THG-Emissionen, die aus vor- und nachgelagerten Unternehmenstätigkeiten resultieren, angefangen bei der Gewinnung von Rohstoffen über den Transport bis hin zur Entsorgung. Auch Emissionen, die aus Geschäftsreisen und Pendelverkehr der Unternehmensangehörigen entstanden sind, werden hinzugerechnet.

Bei der Einführung des Standards legt das Unternehmen zunächst die Bilanzierungsperiode fest und definiert die Organisationsgrenzen. Im Fall von verbundenen Unternehmen erfolgt die Abgrenzung entweder über Eigentumsanteile (Equity-Share-Approach) oder über die Kontrolle (Control-Approach). Im zweiten Schritt werden Energieverbrauch, Materialeinsatz und produzierte Menge erfasst. Schwieriger ist die Ermittlung und Erfassung von THG-Emissionen, die in Scope 3 definiert sind. Aufgrund der globalen Arbeitsteilung sind die Verbräuche von vorgelagerten Prozessen in der Lieferkette häufig intransparent. Abhilfe soll hier die Entwicklung von speziellen Branchenindizes schaffen.

Vermeiden, reduzieren, kompensieren

Zur Reduzierung ihrer klimaschädlichen Emissionen versuchen die Unternehmen i.d.R. zunächst einmal, die Energieverbräuche zu senken und ihre Energieeffizienz zu steigern, bspw. durch die Umstellung der eigenen Produktions- und Arbeitsprozesse, den Einsatz von energiesparenden Maschinen, die Modernisierung von Gebäuden oder die Veränderung des eigenen Produktportfolios.

Unvermeidbare THG-Emissionen werden durch Kompensationsmaßnahmen an einem anderen Ort neutralisiert. Der Ausgleich erfolgt durch den Kauf von CO2-Zertifikaten (Emissionsminderungsgutschriften), mit denen Klimaschutzprojekte bspw. zur Förderung erneuerbarer Energien, zur Aufforstung von Wäldern oder zur Vermeidung von CO2-Emissionen (wie der Erwerb von Solarkochern) finanziert werden. Viele dieser Projekte konzentrieren sich auf Entwicklungs- und Schwellenländer. Umweltorganisationen kritisieren diese Art der Kompensation, da sie die klimaschädliche Produktions- und Lebensweise im Heimatland des Verursachers zementiere. In den vergangenen Jahren haben sich mehrere Standards für freiwillige CO2-Kompensationen etabliert. Zu den bekanntesten zählen der Clean Development Mechanism (CDM), der Verified Carbon Standard (VCS) und der Gold Standard.

Beispiele für Familienunternehmen, die Klimaneutralität anstreben oder bereits erreicht haben:

Elobau (seit 2010), Vaude (seit 2012 am Firmensitz Tettnang), Aldi Süd (seit 2017), Rhodius Mineralquellen (seit 2020), Ritter Sport (ab 2022), Otto Group (bis 2030)

Nützliche Links:

www.klimareporting.de
https://de.myclimate.org/
https://ghgprotocol.org/
https://www.goldstandard.org/

Dr. Karl Tack

ist Beirat der Gebrüder Rhodius GmbH & Co. KG aus Burgbrohl in der Eifel (Rhodius Mineralquellen und Rhodius Schleifwerkzeuge). Er führte 28 Jahre lang als geschäftsführender Gesellschafter das Familienunternehmen in siebter Generation. Vor zwei Jahren übertrug er die Geschäftsführung und seine Anteile an seine beiden Kinder Hannes Tack und Frauke Helf. Das Familienunternehmen Gebrüder Rhodius erwirtschaftete im vergangenen Jahr mit 650 Mitarbeitern einen Umsatz von 140 Mio. Euro. Rhodius Mineralquellen produziert seit dem 1. Januar 2020 klimaneutral und ist damit nach eigenen Angaben Vorreiter in der Getränkebranche. Neben der Umstellung auf Ökostrom und der Umsetzung von Energieeffizienzmaßnahmen kompensiert Rhodius Mineralquellen seinen CO2-Ausstoß durch die finanzielle Unterstützung von zertifizierten Projekten in Afrika. Dr. Karl Tack ist Mitglied des Bundespräsidiums sowie Vizepräsident von Die Familienunternehmer und leitet seit 2011 die Kommission Energiepolitik.

Michael Hetzer

ist Sprecher der Geschäftsführung der Elobau GmbH & Co. KG und Vorsitzender des Beirats der Ensian Group. Das Unternehmen mit dem Hauptsitz in Leutkirch im Allgäu entwickelt und produziert Sensoren und Bedienelemente für Nutzfahrzeuge, Maschinensicherheit und Füllstandsmessung. Elobau erwirtschaftete im Jahr 2019 115 Mio. Euro Umsatz und beschäftigt 950 Mitarbeiter. 2016 überführte Michael Hetzer seine gesamten Unternehmensanteile in eine Stiftung. Elobau bezieht seine Energieversorgung aus Biogas, Erdwärme, Grünstrom und aus eigenen PV-Anlagen. Der CO2-Ausstoß wird über den Erwerb von Zertifikaten zur Waldaufforstung kompensiert. Seit 2010 weist das Unternehmen eine ausgeglichene CO2-Bilanz aus. 2014 erhielt Elobau den Umweltpreis „Energieexzellenz“ des Landes Baden-Württemberg

* Die Interviews wurden getrennt voneinander geführt.

Der Text ist im INTES - UnternehmerBrief Ausgabe 01/2020 erschienen.